Vom Kopf ins Herz: Gefühle wieder spüren lernen mit Gewaltfreier Kommunikation
Inhaltsverzeichnis
- Warum wir vieles verstehen – aber nicht fühlen
- Wie Gefühle „abtrainiert“ werden
- Warum wir die „Sprache der Gefühle“ verlernt haben
- Warum Denken oft sicherer erscheint als Fühlen
- Wie Überforderung oder alte Verletzungen dazu führen, dass Menschen sich vom Fühlen abkoppeln
- Empathie ersetzt nicht das Fühlen, sondern ermöglicht es
- FAQ
Vom Kopf ins Herz: Gefühle wieder spüren lernen mit Gewaltfreier Kommunikation. Verstand und Emotion verbinden für mehr Selbstkontakt, Klarheit und echte Verbindung.
Aus meiner Erfahrung als Seminarleitung erlebe ich immer wieder Menschen, die an einen ganz bestimmten Punkt kommen. Neulich fragte ich Roland, einen Teilnehmer im Modul 1 im Seminar über Gewaltfreie Kommunikation, was ihn bewogen hatte, sich anzumelden. Er antwortete: „Mit Denken komme ich nicht mehr weiter.“ Roland wünschte sich also, mehr ins Fühlen zu kommen. Damit ist er nicht allein, denn das höre ich immer wieder.
Warum wir vieles verstehen – aber nicht fühlen
Ich erlebe in meinen Seminaren oft Menschen, die reflektiert sind, sich Gedanken machen und sich mit sich beschäftigen. Viel mehr als früher. Vielleicht kennst du das auch: Du verstehst viel, analysierst Zusammenhänge, erkennst Muster – und gleichzeitig fehlt dir der Zugang zu deinem inneren Erleben. Da ist viel Klarheit im Kopf – jedoch eine gewisse Leere im Kontakt und in Verbindung mit dir selbst. Oder anders ausgedrückt: Allein durch das Verstehen ändert sich zwar etwas, aber die komplette Erfüllung bleibt aus.
Vermutlich ist es nicht so, dass du nicht fühlen willst, doch gleichzeitig ist da etwas, das dich davon abhält.
In meinen Seminaren höre ich dann Sätze wie:
„Ich weiss, dass etwas da ist, aber ich komme nicht ran.“
„Ich funktioniere einfach.“
„Ich merke erst im Nachhinein, dass etwas zu viel war.“
„Ich kann über alles reden, aber ich fühle dabei wenig.“
„Ich habe das Gefühl, innerlich wie taub zu sein.“
Roland war immer davon überzeugt: „Wenn ich es nur genug verstehe, löst sich alles auf“. Nun möchte er aus dieser kognitiven Sackgasse herausfinden.
Wie Gefühle „abtrainiert“ werden
Ich möchte jetzt gerne einen Blick darauf werfen, wie es zu dieser Sackgasse kommen kann, denn wir kommen ja nicht gefühllos auf die Welt. Kinder fühlen unmittelbar, intensiv und oft auch sichtbar. Sie weinen, lachen, erschrecken, ziehen sich zurück, suchen Nähe oder protestieren. Gefühle gehören ursprünglich ganz selbstverständlich zum Menschsein.
Doch dann passiert: die Anpassung. Vielleicht bist du auch mit Botschaften aufgewachsen, die Gefühle nicht willkommen heissen. Oft ganz alltäglich und beiläufig, manchmal sogar gut gemeint. Sätze wie: „Sei nicht so sensibel“, „Das ist doch nicht so schlimm“, „Jetzt reiss dich zusammen“, „Hör auf zu weinen“, „Stell dich nicht so an“ vermitteln nicht unbedingt offen: Deine Gefühle sind falsch. Aber sie hinterlassen häufig genau diese Wirkung.
Für ein Kind ist das entscheidend. Denn ein Kind ist existenziell auf Zugehörigkeit angewiesen. Es kann nicht sagen: „Dann suche ich mir ein anderes Umfeld, das meine Innenwelt besser würdigt.“ Es passt sich an und lernt sehr früh: Wenn ich dazugehören will, wenn ich geliebt werden will, wenn ich keinen Ärger auslösen will, dann sollte ich gewisse Gefühle lieber nicht zeigen. Dahinter stehen tiefe Bedürfnisse nach Zugehörigkeit, Sicherheit, Bindung und Annahme. Das ist ein Lernmuster und wird verinnerlicht.
Als Kind hast du vielleicht gemerkt: Wenn du traurig bist, bist du zu viel. Wenn du wütend bist, giltst du als schwierig. Wenn du Angst zeigst, wirst du beschämt. Die Folge ist nicht, dass die Gefühle verschwinden. Das Resultat ist, dass der Ausdruck eingeschränkt wird. Und somit spürst du dann tatsächlich immer weniger, was in dir vorgeht. Weil du gelernt hast, den Zugang dazu zu dämpfen. Kurz gesagt, was im Inneren lebendig ist, ist weniger wichtig als das, was nach aussen hin erwartet wird.
Es passt sich an und lernt sehr früh: Wenn ich dazugehören will, wenn ich geliebt werden will, wenn ich keinen Ärger auslösen will, dann sollte ich gewisse Gefühle lieber nicht zeigen. Dahinter stehen tiefe Bedürfnisse nach Zugehörigkeit, Sicherheit, Bindung und Annahme.
Warum wir die „Sprache der Gefühle“ verlernt haben
Aus meiner Erfahrung passiert dieses „Abtrainieren“ oft auch über Sprache. Wenn Menschen nie gelernt haben, Gefühle differenziert zu benennen, bleibt inneres Erleben schnell diffus. Dann gibt es vielleicht nur noch Kategorien wie „gut“, „schlecht“, „Stress“, „okay“ oder „müde“. Die feinen Zwischentöne – enttäuscht, berührt, beschämt, erleichtert, unsicher, hoffnungsvoll, angespannt – werden gar nicht erst eingeübt. Das heisst nicht, dass Gefühle nicht da sind. Aber sie bleiben ungreifbar und unbenennbar. Und dass die Sprache oder genauer gesagt die Worte oft fehlen, erlebe ich in meinen Seminaren, wenn ich die Gefühle-Liste austeile.
Ein weiterer Aspekt ist die Verwechslung von Anpassung mit Reife. Wurdest du dafür gelobt, früh vernünftig, still, stark oder hilfsbereit zu sein? Von aussen sieht das oft kompetent aus. Innerlich kann es aber bedeuten, dass du sehr früh gelernt hast, dich von eigenen Impulsen, Schmerzen oder Grenzen zu entfernen. Dann wird das „Bravsein“ belohnt – und das Spüren wird weiter zurückgedrängt. Dieses Regulieren der Gefühle kann auslösen, dass aus Traurigkeit vielleicht Leistung wird und aus Angst Kontrolle und aus Hilflosigkeit eventuell Perfektionismus und aus Wut wird vielleicht Härte gegen sich selbst. Ich könnte auch sagen: Das eigentliche Gefühl wird oft nicht vernichtet, sondern übersetzt.
Warum Denken oft sicherer erscheint als Fühlen
Viele Menschen leben stark im Kopf, nicht weil sie oberflächlich wären, sondern weil Denken oft das sicherere Terrain ist. Denken ordnet, gibt Klarheit und Orientierung. Und genau das kann enorm entlastend sein, besonders dann, wenn Gefühle als überwältigend, chaotisch oder bedrohlich erlebt wurden. Fühlen ist unmittelbarer und vielleicht für manche Menschen weniger steuerbar. Sie lassen sich unter Umständen nicht einfach „wegverstehen“. Und genau das kann Angst machen. Somit könnte das Denken wie ein innerer Schutzraum sein. Solange du denkst und erklärst und Zusammenhänge suchst, bleibst du in einer Zone, die dir vertraut ist. Manchmal interpretiere ich beim Zuhören in den Seminaren oder Coachings: Da ist viel Verständnis, aber noch wenig Berührung.
Wie Überforderung oder alte Verletzungen dazu führen, dass Menschen sich vom Fühlen abkoppeln
Aber nicht nur Erziehung und gesellschaftliche Prägung spielen eine Rolle. Oft gibt es biografische Erfahrungen, in denen Fühlen tatsächlich zu viel war. Diese Erfahrung erlebe ich in meiner Empathischen Counseling Ausbildung und den vorgetragenen Biografien immer wieder. Wenn ein Mensch wiederholt überfordert war – als Kind, in Beziehungen, in Krisen, durch Verlust, Beschämung, Gewalt, emotionale Unverfügbarkeit oder chronischen Stress – dann kann das Nervensystem lernen: Zu viel Spüren ist gefährlich. Dann wird nicht nur ein bestimmtes Gefühl gemieden, sondern manchmal die Verbindung zum inneren Erleben insgesamt reduziert.
Dazu kommt ein weiterer wichtiger Aspekt, auf den ich durch Robert Betz, Seminarleiter und Autor, aufmerksam wurde: Er sagte, dass auf der einen Seite der Medaille Freude steht und auf der anderen Angst. Werfen wir die Angst weg, fliegt auch die Freude mit. Was bedeutet: Manche Menschen koppeln sich nicht nur von „unangenehmen“ Gefühlen ab, sondern auch von Freude, Lebendigkeit, Sehnsucht oder Berührbarkeit. Denn wenn das System einmal gelernt hat, weniger zu spüren, dann geschieht das oft nicht selektiv. Der Preis dafür könnte sein, dass auch Lebendigkeit, Tiefe und echte Verbindung weniger zugänglich werden.
Denken kann begrenzend und unbefriedigend werden, wenn es zur einzigen erlaubten Form von Selbstkontakt geworden ist. Das ist oft der Moment, an dem Menschen sagen: „Mit Denken komme ich nicht mehr weiter.“ Nicht selten ist das bereits ein heilsamer Wendepunkt. Denn dann entsteht nicht nur Leidensdruck, sondern auch Bereitschaft, sich langsam wieder anzunähern. Wichtig ist dabei das Wort langsam. Wer sich vom Fühlen abgekoppelt hat, braucht selten Druck. Kein „Du musst einfach mehr fühlen“. Kein „Geh halt mal in den Körper“. Und auch Bewertung wie: „Du bist ein Holzbock, was Gefühle anbelangt“ sind nicht zuträglich. Was es braucht, ist Sicherheit. Begleitung. Dosierung. Selbstachtung. Denken ist eine wunderbare Ressource. Und gleichzeitig darf sich jetzt etwas Neues dazugesellen.
Empathie ersetzt nicht das Fühlen, sondern ermöglicht es
In der Gewaltfreien Kommunikation spielt Empathie eine zentrale Rolle. Und das nicht nur im Kontakt mit anderen, sondern auch im Zugang zu uns selbst. Ich erlebe immer wieder, wie entlastend es ist, wenn Menschen nicht alleine durch ihre Innenwelt gehen müssen. Wenn jemand da ist, der präsent ist, nicht bewertet, nicht analysiert und nicht sofort Lösungen anbietet, sondern einfach begleitet. Empathie ersetzt nicht das Fühlen, sie ermöglicht es oft erst. Gerade wenn Gefühle lange keinen Raum hatten, kann es sehr unterstützend sein, wenn Worte von aussen kommen. Als Einladung und als Angebot. Und der Körper kann prüfen: Stimmt das für mich? Berührt mich das? So entsteht Schritt für Schritt wieder Zugang.
Aus meiner Erfahrung ist der Weg ins Fühlen kein Schritt, den du allein „machst”. Ein Gegenüber ist sehr hilfreich, weil dann die wichtige menschliche Resonanz entsteht. Ich erlebe immer wieder, dass Menschen in genau diesem Moment beginnen zu spüren, was vorher nicht zugänglich war. Gefühle öffnen sich nicht unter Druck, sondern in einem Raum von Sicherheit, Vertrauen, Achtsamkeit und Verbindung. Doch gerade am Anfang braucht es oft das Aussen, um das Innen wieder zu öffnen.
Und oft beginnt der Zugang nicht mit einem klar benennbaren Gefühl, sondern mit etwas viel Feinerem: Was nimmst du gerade in deinem Körper wahr? Vielleicht ist da ein Druck in der Brust, eine Enge im Hals, ein Ziehen im Bauch, Wärme, Unruhe oder auch einfach nur etwas Unklares. Und genau dieses „nicht genau wissen“ ist oft der Anfang. Auch die Atmung kann ein Zugang sein: Wird sie flacher, tiefer, ruhiger oder stockend?
Vielleicht geht es gar nicht darum, mehr zu fühlen. Sondern darum, wieder in Beziehung zu kommen mit dem, was in uns lebt. Und das in unserem eigenen Tempo.
Im Modul 1 lernen wir das Benennen und den Ursprung unangenehmer Gefühle wie Wut, Ärger, Schuld und Scham kennen und erfahren, wie wir empathisch mit ihnen umgehen.
FAQ
Warum kann ich Dinge verstehen, aber nicht fühlen?
Viele Menschen erleben, dass sie Zusammenhänge kognitiv erfassen, jedoch keinen Zugang zu ihren Gefühlen haben. Oft liegt das daran, dass emotionale Wahrnehmung im Laufe des Lebens unterdrückt oder „abtrainiert“ wurde.
Wie verlieren wir den Zugang zu unseren Gefühlen?
Durch Erziehung, gesellschaftliche Prägung oder persönliche Erfahrungen lernen viele früh, bestimmte Gefühle zu unterdrücken. Aussagen wie „Sei nicht so sensibel“ oder „Reiss dich zusammen“ führen dazu, dass wir uns vom eigenen Erleben distanzieren.
Warum ist Denken oft einfacher als Fühlen?
Denken gibt Struktur, Kontrolle und Sicherheit. Gefühle hingegen können als unberechenbar oder überwältigend erlebt werden. Deshalb wird der Verstand oft zum bevorzugten „Schutzraum“.
Was sind typische Anzeichen dafür, dass ich den Zugang zu meinen Gefühlen verloren habe?
• Du analysierst viel, spürst aber wenig
• Du funktionierst im Alltag, fühlst dich innerlich leer
• Gefühle zeigen sich erst im Nachhinein
• Du hast Mühe, Gefühle zu benennen
• Du fühlst dich manchmal „abgeschnitten“ von dir selbst
Kann man wieder lernen zu fühlen?
Ja. Der Zugang zu Gefühlen ist nicht verloren, sondern oft nur überlagert. Mit Geduld, Achtsamkeit und einem sicheren Rahmen kann die Verbindung zum eigenen Erleben wieder entstehen.
Wie hilft Gewaltfreie Kommunikation (GFK) dabei, wieder ins Fühlen zu kommen?
Die Gewaltfreie Kommunikation nach Marshall B. Rosenberg unterstützt dabei, Gefühle und Bedürfnisse bewusst wahrzunehmen und in Worte zu fassen. Sie schafft einen Zugang zu innerer Klarheit und Selbstempathie.
Welche Rolle spielt Empathie beim Zugang zu Gefühlen?
Empathie – von anderen oder für sich selbst – schafft einen sicheren Raum. In diesem Raum können Gefühle auftauchen, ohne bewertet oder unterdrückt zu werden. Oft wird Fühlen erst durch echtes Gehörtwerden möglich. Hierbei ist das Team-Mentoring wertvoll, zu welchem ich die Teilnehmenden in meinen Seminaren ermutige.