Warum wir oft zu viel Verantwortung übernehmen
Inhaltsverzeichnis
In dieser Folge möchte ich dich dazu einladen, deine Beziehung zu Verantwortung, Selbstfürsorge und dem Stellen von Bitten genauer unter die Lupe zu nehmen. Die Gewaltfreie Kommunikation begleitet mich seit knapp 20 Jahren – und doch entdecke ich immer wieder Situationen, in denen meine alten Muster schneller sind als ich. Eine solche Erfahrung möchte ich heute mit dir teilen.
Wenn alte Muster schneller sind
Vielleicht kennst du das ja auch: Ein Problem taucht auf – und noch bevor du darüber nachdenkst, wen du um Unterstützung bitten könntest, beginnst du bereits, nach einer Lösung zu suchen. Jemand vergisst etwas, ein Projekt gerät ins Stocken, Rahmenbedingungen verändern sich oder eine Aufgabe wird plötzlich schwierig. Bevor du überhaupt darüber nachdenkst, wen du um Unterstützung bitten könntest, entwickelst du bereits Lösungen – weil du verantwortungsbewusst bist, weil du helfen möchtest und weil du es gewohnt bist, dass es am Ende funktioniert. Oder weil du unbewusst glaubst: «Ich bin dafür verantwortlich, dass es funktioniert.»
Genau das ist mir kürzlich passiert. Für das kommende Seminarwochenende waren hohe Temperaturen angesagt. Seit 15 Jahren führe ich meine Seminare in denselben Räumlichkeiten durch. Aufgrund eines Umbaus musste ich jedoch vorübergehend in einen anderen Seminarraum wechseln – neu unter dem Dach und auf der Sonnenseite. Als ich die Wetterprognosen sah, wusste ich sofort: Das wird herausfordernd. Der Raum ist gross, die Mittagssonne heizt ihn stark auf und wir würden zwei Tage lang mit 16 Personen darin «gekocht». Mein erster Gedanke war: «Welche mobile Klimaanlage soll ich kaufen?» Das Interessante, im Nachhinein betrachtet, war: Ich dachte nicht daran, beim Veranstalter nachzufragen.
Die Verantwortung war innerlich schon übernommen
Erst beim Reflektieren wurde mir bewusst, dass ich die Verantwortung für das Problem innerlich bereits übernommen hatte. Ich war gedanklich schon dabei, Lösungen zu organisieren, Kosten abzuwägen und mich zu fragen, wie ich die Situation für alle möglichst angenehm gestalten könnte. Dabei hatte ich eine naheliegende Möglichkeit noch gar nicht in Betracht gezogen: eine Bitte zu äussern. Schritt 4 der GFK!
Was hält uns davon ab, eine Bitte zu äussern?
Ich habe mir Gedanken gemacht, was dahinterliegen kann, wenn wir sofort die Verantwortung für alles übernehmen und was uns davon abhält, innezuhalten und aus der Ruhe heraus die verschiedenen Möglichkeiten abzuwägen – obwohl das Leben dadurch in manchen Fällen, so wie in meinem, deutlich leichter werden könnte. Und siehe da: In den meisten Situationen sind unsere Grundüberzeugungen beteiligt. Also Wurzelwölfe, wie ich sie nenne. Zum Beispiel: «Wenn ich es sehe, muss ich es lösen.» Oder: «Wenn es nicht funktioniert, bin ich schuld.»
Wenn aus Wahrnehmung Zuständigkeit wird
Wenn dir diese Sätze bekannt vorkommen oder sie bei dir Resonanz auslösen, gehörst du vielleicht zu den Menschen, die Probleme, Risiken, Unklarheiten und mögliche Folgen sehr schnell erkennen. Du siehst die Bedürfnisse der Situation, der Gruppe oder der anderen. Du wirkst belastbar und lösungsorientiert. Das ist eine Kompetenz. Allerdings wird dann aus der Wahrnehmung automatisch Zuständigkeit. Das kann unter Umständen sogar eine ständige innere Alarmbereitschaft bewirken. Du scannst Situationen nach möglichen Problemen und springst ein, bevor andere überhaupt merken, dass etwas aus dem Gleichgewicht geraten ist. Die vermeintliche Gefahr dahinter: Wenn du die Verantwortung automatisch übernimmst, kommen die eigenen Bedürfnisse zu kurz. Und unerfüllte Bedürfnisse äussern sich meist als Müdigkeit, Gereiztheit, Rückzug, Überforderung oder innerer Groll. Da wäre das Lernfeld, die eigenen Grenzen besser wahrzunehmen und zu achten.
Permanent zuviel Verantwortung zu übernehmen kann unter Umständen sogar eine ständige innere Alarmbereitschaft bewirken. Du scannst Situationen nach möglichen Problemen und springst ein, bevor andere überhaupt merken, dass etwas aus dem Gleichgewicht geraten ist.
Warum Bitten manchmal so schwerfallen
Weitere Wurzelwölfe kommen vielleicht in dieser Form daher, wenn du daran denkst, eine Bitte an andere Personen zu stellen: «Ich mache Umstände.», «Ich verlange zu viel.», «Ich bin unbequem.» Eine Bitte zu stellen klingt theoretisch einfach. Innerlich kann sie jedoch unbewusst genau diese Gedanken auslösen. Deshalb wird lieber selbst organisiert, bezahlt, getragen und ausgeglichen. Also wird Verantwortung übernommen, um Widerstand zu vermeiden. Hinzu kommt: Eine Bitte könnte ein Nein auslösen, eine Diskussion, Rechtfertigung oder Enttäuschung. Also wird der potenzielle Konflikt schon im Voraus verhindert – auf Kosten der eigenen Entlastung. Und vielleicht hast du zu oft erlebt: Wenn ich es nicht mache, passiert es nicht. Daraus entsteht eine Art Erfahrungslogik. Bitten wirkt dann unsicher. Selbermachen wirkt verlässlicher. Kurzfristig stimmt das oft sogar – langfristig zahlen wir den Preis der Erschöpfung.
Bitten statt alles alleine tragen
Genau hier wird die Gewaltfreie Kommunikation praktisch. Sie lädt uns ein zu reflektieren statt zu funktionieren. Unterstützung anzufragen, anstatt uns selbst auszubeuten. Bevor ich beginne, ein Problem zu lösen, stelle ich mir heute häufiger die Frage: «Wessen Verantwortung ist das eigentlich? Wer ist überhaupt beteiligt?» Das ist keine Einladung, Verantwortung abzugeben. Es ist eine Einladung, Verantwortung fair zu verteilen.
Zugegeben: Eine Bitte zu formulieren ist oft weniger einfach, als es auf den ersten Blick scheint! Wichtig ist hierbei: Wie formuliere ich mein Anliegen klar, ohne fordernd zu wirken? Wie bleibe ich mit mir selbst in Kontakt? Und bin ich bereit, auch ein Nein zu hören? Genau darin liegt die Kraft einer echten Bitte.
Die Gewaltfreie Kommunikation kann uns dabei unterstützen, innezuhalten, unsere Bedürfnisse wahrzunehmen, Selbstfürsorge zu leben und die eigenen Grenzen zu schützen. Sie kann uns aber auch dabei unterstützen, den Mut und die Fähigkeit zu entwickeln, Bitten zu stellen, die das Leben leichter machen – und anderen Menschen die Möglichkeit geben, zu unserem Wohl beizutragen.
In meinem Fall bedeutete das: Ich griff zum Telefon und fragte nach, ob es eine Alternative gäbe. Mein Anliegen stiess auf Verständnis, und mir wurde unkompliziert ein grösserer Raum im unteren Stockwerk angeboten.
In diesem Moment wurde mir bewusst, wie oft wir dazu neigen, Probleme sofort selbst lösen zu wollen, anstatt zunächst zu prüfen, wer noch Verantwortung trägt oder welche Ressourcen bereits vorhanden sind. Fazit: Manchmal ist die Lösung näher, als wir denken. Und das nicht, weil das Problem kleiner ist als gedacht. Sondern weil wir nicht immer alles allein zu tragen brauchen.
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FAQ
Warum fällt es vielen Menschen schwer, um Unterstützung zu bitten?
Oft stehen unbewusste Überzeugungen dahinter wie: «Ich mache Umstände», «Ich verlange zu viel» oder «Wenn ich es nicht mache, passiert es nicht». Diese inneren Muster können dazu führen, dass Menschen lieber alles selbst übernehmen, statt andere um Unterstützung zu bitten.
Was hat Verantwortung übernehmen mit Überforderung zu tun?
Wer dauerhaft Verantwortung übernimmt, die eigentlich geteilt werden könnte, läuft Gefahr, die eigenen Bedürfnisse zu übergehen. Die Folgen können Müdigkeit, Gereiztheit, Überforderung, Rückzug oder innerer Groll sein.
Was bedeutet Verantwortung fair zu verteilen?
Verantwortung fair zu verteilen bedeutet nicht, Verantwortung abzugeben. Es bedeutet zu prüfen, wer an einer Situation beteiligt ist und welchen Beitrag jede Person leisten kann. Dadurch wird vermieden, dass einzelne Menschen dauerhaft zu viel tragen.
Wie unterstützt die Gewaltfreie Kommunikation dabei?
Die Gewaltfreie Kommunikation fördert Selbstreflexion, Selbstfürsorge und Klarheit. Sie unterstützt dabei, Bedürfnisse wahrzunehmen, Verantwortung bewusst zu prüfen und Bitten so zu formulieren, dass Verbindung und Kooperation möglich werden.
Woran erkenne ich, dass ich zu viel Verantwortung übernehme?
Ein Hinweis kann sein, dass du bei Problemen sofort nach Lösungen suchst, ohne andere einzubeziehen. Auch der Gedanke «Wenn ich es nicht mache, funktioniert es nicht» kann ein Zeichen dafür sein, dass du mehr Verantwortung trägst, als eigentlich notwendig wäre.
Warum ist eine Bitte etwas anderes als eine Forderung?
Eine Bitte lässt dem Gegenüber die Freiheit, Ja oder Nein zu sagen. Sie basiert auf Klarheit über das eigene Bedürfnis und dem Vertrauen, dass andere freiwillig beitragen dürfen. Eine Forderung hingegen erzeugt Druck und lässt wenig Wahlfreiheit.
Wie kann ich lernen, häufiger um Unterstützung zu bitten?
Ein erster Schritt ist, innezuhalten und sich zu fragen: «Wessen Verantwortung ist das eigentlich?» Anschliessend kann geprüft werden, welche Personen beteiligt sind und welche Bitte dazu beitragen könnte, die Verantwortung fair zu verteilen.
Was hat das mit Selbstfürsorge zu tun?
Selbstfürsorge bedeutet, die eigenen Bedürfnisse ernst zu nehmen. Wer lernt, rechtzeitig um Unterstützung zu bitten, schützt die eigenen Ressourcen und verhindert, dass dauerhaft zu viel Verantwortung auf den eigenen Schultern landet.