01. September 2026 SeminarCoachingPodcastLesezeit: 10 MinutenVon Uschi Kellenberger

Bewertungen loslassen: Wie alte Urteile Beziehungen prägen

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Dieses Mal möchte ich dich dazu einladen, deine Bewertungen über andere Menschen bewusster wahrzunehmen und zu hinterfragen. Denn oft begegnen wir nicht dem Menschen von heute, sondern unserer Geschichte über ihn.

Vor Kurzem wurde ich an etwas erinnert, das mich seit vielen Jahren beschäftigt – ein Thema an der Schnittstelle von Gewaltfreier Kommunikation, Selbstführung und Konfliktkompetenz: die Wirkung von unverarbeiteten Bewertungen. Dass wir bewerten, ist völlig normal. Wir bewerten ständig: Ist das noch essbar? Möchte ich das tun? Müsste die Hecke geschnitten werden? Unser Gehirn liebt Schubladen. Bewertungen helfen uns, Situationen einzuordnen. Sie geben Orientierung und dienen unserem Bedürfnis nach Sicherheit und Schutz. Um diese alltäglichen Bewertungen geht es mir hier jedoch nicht. Denn diese Bewertungen dienen dem Leben. Ich möchte den Blick auf die Bewertungen richten, die wir über andere Menschen haben.

Wenn aus einer Erfahrung eine Bewertung wird

Bewertungen entstehen schnell und oft automatisch. Jemand sagt etwas, das wir als unpassend bewerten. Eine Kollegin verhält sich in unserer Wahrnehmung respektlos. Eine Führungskraft trifft eine Entscheidung, die wir nicht nachvollziehen können und als egoistisch bewerten. Aus einer Erfahrung entsteht also eine Bewertung. Auch das ist zunächst völlig menschlich. Spannend wird es jedoch, wenn Jahre vergehen – und die Bewertung bleibt. Genau um diese unverarbeiteten Bewertungen geht es mir. Was passiert, wenn wir sie über Wochen, Monate oder sogar Jahre mit uns herumtragen? Ist das gesund – für uns, für unsere Beziehungen und für unsere Konfliktkompetenz? Ist das Selbstführung? Meine Antwort darauf lautet: Nein.

Wenn die Bewertung bleibt

Aus meiner Erfahrung erlebe ich immer wieder Menschen – und ich kenne es auch von mir selbst –, die sich noch Jahre später über eine Situation ärgern, die längst vorbei ist. Die beteiligten Personen haben sich verändert. Die Umstände haben sich verändert. Manchmal hat sich sogar die ganze Lebenssituation verändert. Nur unsere Bewertung ist geblieben. Nie überprüft und nie bearbeitet. Wenn wir etwas wochen-, monate- oder jahrelang innerlich «durchkauen», geschieht etwas Entscheidendes: Wir beginnen, unsere Bewertung mit der Wahrheit zu verwechseln. Aus «Er hat sich damals egoistisch verhalten» wird unmerklich «Er ist egoistisch». Aus «Sie hat sich damals unmöglich benommen» wird «Sie ist verletzend». Aus einer Erfahrung wird eine Identität.

Die Brille unserer Geschichte

Je länger wir an solchen Bewertungen festhalten, desto stärker beeinflussen sie unsere Wahrnehmung. Es besteht die Gefahr, dass wir bestimmte Aussagen selektiv hören oder Verhalten durch die Brille unserer bisherigen Erfahrungen mit diesem Menschen interpretieren. Eventuell schlimmer noch: Wir suchen oft unbewusst nach Bestätigungen für das, was wir ohnehin bereits glauben. Es geht mir darum, die Auswirkungen von ungeklärten Bewertungen ernst zu nehmen. Denn unverarbeitete Bewertungen sind keine Privatsache. Sie prägen unsere Beziehungen – und oft auch die Atmosphäre, die wir in unserem Umfeld erzeugen.

Wenn wir einen Menschen innerlich auf eine Bewertung reduzieren, begegnen wir ihm nicht mehr im Hier und Jetzt, sondern durch die Brille unserer Vergangenheit.

Uschi Kellenberger

Bewertungen bleiben nicht folgenlos

Die Folgen von unverarbeiteten Bewertungen sind weitreichender, als wir oft glauben. Aus meiner Erfahrung sind Bewertungen weit mehr als Gedanken. Sie sind gespeicherte Geschichten über Menschen, Situationen und über uns selbst. Und diese Geschichten verschwinden nicht einfach. Sie wirken weiter – in unserem Körper, in unseren Beziehungen und in unserer Art, der Welt zu begegnen. Wenn wir einen Menschen innerlich auf eine Bewertung reduzieren, begegnen wir ihm nicht mehr im Hier und Jetzt, sondern durch die Brille unserer Vergangenheit. Die Geschichte, die wir uns über ihn erzählen, wird zu unserem inneren Kompass: «Achtung: Sie ist respektlos oder «Vorsicht: Er ist egoistisch.»

Wenn der Körper Alarm schlägt

Unser Nervensystem macht keinen Unterschied zwischen einer aktuellen Bedrohung und einer alten Verletzung, an die wir uns immer wieder erinnern. Jedes Mal, wenn wir unsere Bewertungen innerlich wiederholen, aktivieren wir dieselben Gefühle und Körperreaktionen erneut. Allein die Erinnerung an eine frühere Enttäuschung kann ausreichen, um Stressreaktionen auszulösen. Wir werden vielleicht vorsichtiger, misstrauischer und innerlich enger. Es kann sogar sein, dass wir dafür mit unserer Gesundheit bezahlen. Chronischer Stress, anhaltende Anspannung und ungelöste innere Konflikte können sich langfristig auf unser Wohlbefinden auswirken. Resultat: Der Körper trägt mit, was die Seele nicht loslassen kann. Auf Kosten von Leichtigkeit, Lebensfreude und innere Ruhe.

Bewertungen wirken ansteckend

Doch Bewertungen wirken nicht nur in uns selbst. Sie beeinflussen auch unser Umfeld. Menschen spüren, ob wir ihnen offen begegnen oder ob wir ihnen bereits mit einer inneren Geschichte gegenübertreten. Sie spüren unsere Anspannung, unsere Vorsicht, unser Misstrauen oder unsere Bitterkeit – auch wenn wir kein einziges Wort darüber verlieren. Wer dauerhaft mit ungelösten Bewertungen unterwegs ist, bindet nicht nur die eigene Energie, sondern oft auch die Energie anderer Menschen.

Was wir ausstrahlen

Wir alle kennen Menschen, nach deren Gesellschaft wir uns inspiriert, verbunden und lebendig fühlen. Und wir kennen Menschen, nach deren Gesellschaft wir erschöpft und ausgelaugt sind. Der Unterschied liegt oft nicht in den äusseren Umständen, sondern darin, ob jemand bereit ist, Verantwortung für seine inneren Prozesse zu übernehmen. Denn unverarbeitete Bewertungen sind keine Privatsache. Gespräche kreisen immer wieder um dieselben Konflikte. Das Vergangene erhält mehr Aufmerksamkeit als das Gegenwärtige. Die eigene Geschichte wird wiederholt, bestätigt und damit weiter gefestigt. Das kann für alle ermüdend sein.

Die Auswirkungen zeigen sich auch im Berufsalltag

Wo Menschen über längere Zeit an Bewertungen festhalten, entstehen schneller Missverständnisse, Fronten und unausgesprochene Spannungen. Die Bereitschaft zur Zusammenarbeit sinkt. Auch Kunden spüren, ob sie mit Offenheit und Wertschätzung empfangen werden oder ob im Hintergrund alte Geschichten wirken. Die Atmosphäre, die wir in Teams und Organisationen erzeugen, beeinflusst nicht nur das Miteinander, sondern auch die Qualität unserer Dienstleistungen, die Kundenzufriedenheit und letztlich den Erfolg einer Organisation. Kurz: Sie haben Auswirkungen auf Teams, Führung, Zusammenarbeit und wirtschaftlichen Erfolg.

Bewertungen sind nicht die Wahrheit

Die gute Nachricht ist: Bewertungen sind nicht in Stein gemeisselt. Es geht nicht darum, jede Bewertung loszulassen. Entscheidend ist vielmehr, sie nicht mit der Wahrheit zu verwechseln. Genau hier setzt der erste Schritt der Gewaltfreien Kommunikation an: Was ist tatsächlich passiert – und was ist meine Interpretation oder meine Geschichte darüber?
Aus «Er ist egoistisch» wird: «Er hat mich gestern nicht gefragt, ob ich Unterstützung brauche, obwohl ich überlastet war.» Aus «Sie ist respektlos» wird: «Sie hat während der Teamsitzung dreimal angefangen zu sprechen, während ich mitten im Satz war.»
Die Beobachtung beschreibt, was wir sehen oder hören können. Die Bewertung erzählt die Geschichte, die wir uns darüber machen. Gewaltfreie Kommunikation bedeutet nicht, dass wir alles gut finden müssen. Sie bedeutet auch nicht, dass wir schmerzliche Erfahrungen vergessen, Grenzen aufgeben oder uns mit verletzendem Verhalten abfinden sollen. Aber sie bedeutet Verantwortung zu übernehmen für unsere Bewertungen.

Verantwortung für die eigene innere Welt

Der Unterschied liegt oft nicht in den äusseren Umständen, sondern darin, ob wir bereit sind, Verantwortung für unsere inneren Prozesse zu übernehmen. Gewaltfreie Kommunikation bedeutet deshalb nicht nur, anders zu sprechen. Sie bedeutet, den Mut zu entwickeln, die eigenen Bewertungen zu hinterfragen und zu erforschen, was darunter liegt.
Denn hinter jeder Bewertung verbirgt sich etwas Lebendiges: ein Schmerz, eine Enttäuschung, eine Sehnsucht und ein unerfülltes Bedürfnis. Wenn ich einen Menschen als «egoistisch» bewerte, könnte dahinter mein Bedürfnis nach Unterstützung, Verbundenheit oder gegenseitiger Rücksichtnahme stehen. Wenn ich jemanden als «respektlos» bewerte, sehne ich mich möglicherweise nach Wertschätzung, Augenhöhe oder Gehörtwerden. Erst wenn wir bereit sind, dorthin zu schauen, können wir uns aus alten Geschichten lösen und wieder in Kontakt kommen mit unserer Lebensenergie.

Der Weg zurück in die Verbindung

Auch wenn uns Bewertungen über Jahre oder Jahrzehnte begleitet haben, können wir lernen, ihnen nicht länger zu glauben. Das geschieht jedoch nicht über Nacht. Aus meiner Erfahrung braucht es Mut, Geduld und die Bereitschaft, immer wieder hinter die eigene Geschichte zu schauen. Denn erst dort kommen wir in Kontakt mit dem, was wirklich lebendig ist: unseren Gefühlen, Bedürfnissen und unerfüllten Sehnsüchten. Ich weiss aus eigener Erfahrung, dass dieser Weg Zeit braucht. Es ist ein Prozess, der oft Jahre dauert und immer wieder bewusste Entscheidungen erfordert. Bewertungen loszulassen ist kein schneller Gedanke – es ist gelebte Selbstführung.

Die Freiheit, Menschen neu zu begegnen

Die Mühe lohnt sich, das kann ich bestätigen. Denn wenn wir Menschen offen und ohne die Last alter Geschichten begegnen, geschieht etwas Erstaunliches: Nicht nur wir selbst verändern uns. Es verändert sich auch die Qualität der Beziehung. Menschen spüren doch, ob wir ihnen mit Misstrauen oder mit Offenheit begegnen. Sie spüren, ob wir sie auf eine alte Erfahrung reduzieren oder ob wir bereit sind, sie im Hier und Jetzt wahrzunehmen. Ich erlebe dass Begegnungen weicher, ehrlicher und menschlicher werden. Und Achtung: Nicht weil wir schwierige Erfahrungen verdrängen oder schönreden. Sondern weil wir dem anderen Menschen die Möglichkeit geben, mehr zu sein als unsere Geschichte über ihn. Und vielleicht ist genau das eine der grössten Wirkung der Gewaltfreien Kommunikation: Sie eröffnet die Chance, sich selbst und anderen immer wieder neu zu begegnen. Ich finde, es ist eine der grössten Freiheiten überhaupt, einem Menschen noch einmal neu zu begegnen – ohne die Brille einer Geschichte, die vielleicht längst nicht mehr aktuell ist.

Für WISSEN: In meinen Seminaren zur Gewaltfreien Kommunikation begleite ich Menschen dabei, hinter ihre Geschichten zu schauen, die eigenen Gefühle und Bedürfnisse besser zu verstehen und wieder in Kontakt mit ihrer inneren Klarheit und Lebensenergie zu kommen. Denn Bewertungen loszulassen ist kein schneller Gedanke – es ist gelebte Selbstführung. Mehr über meine Aus- und Weiterbildungen in Gewaltfreier Kommunikation erfährst du hier.

FAQ

Warum halten wir so lange an Bewertungen über andere Menschen fest?
Bewertungen geben unserem Gehirn Orientierung und dienen unserem Bedürfnis nach Sicherheit und Schutz. Sie helfen uns, Erfahrungen einzuordnen. Problematisch wird es, wenn wir unsere Bewertungen nie mehr überprüfen und sie mit der Wahrheit verwechseln.

Wie erkenne ich, ob ich an einer alten Bewertung festhalte?
Ein Hinweis kann sein, dass du dich noch Jahre später über eine Person oder Situation aufregst, obwohl sich die Umstände längst verändert haben. Wenn du das Verhalten eines Menschen immer wieder durch dieselbe Brille betrachtest, lohnt es sich, genauer hinzuschauen.

Welche Auswirkungen haben unverarbeitete Bewertungen auf die Gesundheit?
Unverarbeitete Bewertungen können das Nervensystem dauerhaft in Alarmbereitschaft versetzen. Chronischer Stress, innere Anspannung, Grübeln und emotionale Erschöpfung können die Folge sein. Der Körper trägt oft mit, was die Seele nicht loslassen kann.

Wie beeinflussen Bewertungen unsere Beziehungen?
Menschen spüren, ob wir ihnen offen begegnen oder ob wir ihnen bereits mit Misstrauen, Vorsicht oder einer festen Meinung gegenübertreten. Bewertungen erschweren echte Begegnung, fördern Missverständnisse und können Konflikte über Jahre aufrechterhalten.

Was sagt die Gewaltfreie Kommunikation über Bewertungen?
Die Gewaltfreie Kommunikation unterscheidet zwischen Beobachtungen und Bewertungen. Sie lädt dazu ein, hinter unsere Urteile zu schauen und die Gefühle und Bedürfnisse zu erkennen, die darunter liegen.

Bedeutet Gewaltfreie Kommunikation, alles gutzuheissen?
Nein. Gewaltfreie Kommunikation bedeutet nicht, alles zu akzeptieren oder Grenzen aufzugeben. Es geht darum, Bewertungen nicht mit der Wahrheit zu verwechseln und Verantwortung für die eigenen inneren Prozesse zu übernehmen.

Kann ich lernen, alte Bewertungen loszulassen?
Ja. Bewertungen sind nicht in Stein gemeisselt. Es braucht jedoch Mut, Geduld und die Bereitschaft, die eigenen Geschichten zu hinterfragen. Dieser Prozess ist gelebte Selbstführung und kann die Qualität von Beziehungen nachhaltig verändern.

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