02. November 2026 SeminarCoachingPodcastLesezeit: 7 MinutenVon Uschi Kellenberger

Immer Recht haben – was es Beziehungen kostet und wie GFK hilft

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Diesen Monat möchte ich dich dazu einladen, ehrlich hinzuschauen, was hinter dem Drang steckt, immer Recht haben zu wollen – und zu spüren, was möglich wird, wenn du der Verbindung den Vorrang gibst.

«Ich habe Recht!» Kaum ein Satz hat das Potenzial, Gespräche schneller zu verhärten als dieser. Oft wird er nicht einmal ausgesprochen – er zeigt sich in endlosen Diskussionen, in Rechtfertigungen, im Sammeln von Argumenten oder im inneren Gefühl, die Wahrheit auf seiner Seite zu haben. Dein Puls steigt. Die Argumente werden schärfer. Du weisst, dass du recht hast. Du fühlst es. Und du gibst nicht nach.
Marshall B. Rosenberg, Begründer der Gewaltfreien Kommunikation (GFK), hat dieses Phänomen auf den Punkt gebracht: «Auf dem Siegertreppchen ist es einsam.»
Ein Satz, der mich bis heute begleitet. Denn tatsächlich erleben wir immer wieder Situationen, in denen jemand eine Diskussion gewinnt – und gleichzeitig die Verbindung verliert.
Wer gewinnt, steht allein. Wer recht behält, bezahlt oft einen hohen Preis – den Kontakt zur anderen Person. Und dennoch: Das Recht-haben-Wollen zieht uns magnetisch an. Es fühlt sich falsch an, nachzugeben. Es fühlt sich wie eine Niederlage an, wie Schwäche, wie Verrat an der eigenen Wahrheit. Also kämpfen wir – mit Worten, mit Schweigen, mit Logik, mit Emotionen – bis eine Seite erschöpft aufgibt. Doch ist das wirklich ein Sieg?

Beziehungen auf dem Prüfstand

Besonders in engen Beziehungen zeigt sich dieses Muster. In Partnerschaften, Familien oder Teams geht es irgendwann nicht mehr darum, gemeinsam eine Lösung zu finden. Stattdessen entsteht ein unsichtbarer Wettbewerb: Wer nimmt die Realität richtiger wahr? Wer verhält sich korrekter? Wer hat die besseren Argumente? Die Ironie dabei: Selbst wenn wir gewinnen, verlieren wir oft etwas Wertvolles. Nähe. Vertrauen. Offenheit. Verbindung… Denn Beziehungen leben nicht davon, dass einer Recht hat. Sie leben davon, dass Menschen einander verstehen wollen.

Was steckt wirklich dahinter?

Bevor wir zur Lösung kommen, möchte ich ehrlich hinschauen. Die Gewaltfreie Kommunikation lädt uns ein, hinter das sichtbare Verhalten und das unbewusste Denken zu schauen. Denn das Recht-haben-Wollen kommt nicht aus dem Nichts. Es hat Wurzeln – tief verankerte Glaubenssätze, die ich «Wurzelwölfe» nenne, weil sie leise im Hintergrund wirken und uns steuern, ohne dass wir es merken. Vielleicht erkennst du dich im einen oder anderen wieder:

«Wenn ich nachgebe, verliere ich.»
In vielen von uns lebt die Überzeugung, dass Zustimmen gleichbedeutend ist mit Kapitulation. Wer nachgibt, zeigt Schwäche! Dieses Denken macht aus jedem Gespräch ein Nullsummenspiel: Einer gewinnt, einer verliert. In Beziehungen führt das zur permanenten Anspannung, weil jede Meinungsverschiedenheit zur Bedrohung wird.

«Nur wenn ich Recht habe, bin ich richtig.»
Für manche Menschen hängt ihr Selbstwert daran, im Recht zu sein. Falsch zu liegen bedeutet dann nicht nur, einen Fehler gemacht zu haben – es bedeutet, als Person falsch zu sein. Dieser Glaubenssatz entsteht oft früh: in Familien, in denen Fehler beschämt wurden, in Schulen, in denen nur die richtige Antwort zählte. Wer so aufgewachsen ist, kämpft nicht um einen Standpunkt – er kämpft um sein Selbstbild.
Mir passiert das auch noch: Ich bemerke, wie ich in bestimmten Momenten plötzlich nicht mehr über die Sache spreche, sondern darüber, wer ich bin – und ob ich gut genug bin.

«Wer nachgibt, verliert.»
Manche haben die Überzeugung verinnerlicht, dass ein wirklich integrer Mensch niemals von seiner Wahrheit abweicht. Was als Integrität erscheint, ist oft Angst – die Angst, sich zu irren. Standhaftigkeit wird mit Starrsinn verwechselt.

Früh gelernt, schwer verlernt

Solche Gedankenmuster entstehen häufig sehr früh. Viele von uns sind mit Bewertungen, Kritik oder Schuldzuweisungen aufgewachsen. Fehler wurden korrigiert. Meinungen wurden beurteilt. Wer Recht hatte, wurde bestätigt. Wer Unrecht hatte, wurde kritisiert. So kann sich tief im Inneren die Überzeugung festsetzen, dass Rechthaben etwas mit Sicherheit, Zugehörigkeit oder Selbstwert zu tun hat.
Dann geht es in einer Diskussion längst nicht mehr um die Sache – sondern um die Angst, verletzt oder blossgestellt zu werden. Das ist existenziell.
Ich erlebe das so: In solchen Momenten bin ich nicht mehr wirklich im Gespräch. Ich bin im Überlebensmodus.

Rechthaben wollen: Die stille Gefahr in Beziehungen

Hier liegt ein besonders heimtückischer Mechanismus: Die andere Person gibt irgendwann nach. Nicht weil sie von deinen Argumenten überzeugt wurde, sondern weil sie erschöpft ist. Weil sie Harmonie will. Weil der Kampf sich nicht mehr lohnt. Innerlich entstehen Frustration, Resignation, Distanz…

Und wir? Wir halten das für einen Sieg.
Doch was wirklich passiert: Die andere Person hat sich innerlich zurückgezogen. Sie hat gelernt, dass echte Diskussion gefährlich ist. Dass ihre Wahrheit keinen Platz hat. Langsam, über Jahre, entsteht so eine Beziehung, in der einer redet – und einer wartet, bis es vorbei ist.
Das Resultat: Der Partner sagt vielleicht nichts mehr. Die Kollegin bringt ihre Ideen nicht mehr ein. Das erwachsene Kind erzählt weniger von seinem Leben. Die Verbindung wird oberflächlicher…
Das ist der wahre Preis des Siegertreppchens.

Denn tatsächlich erleben wir immer wieder Situationen, in denen jemand eine Diskussion gewinnt – und gleichzeitig die Verbindung verliert. Wer gewinnt, steht allein. Wer recht behält, bezahlt oft einen hohen Preis – den Kontakt zur anderen Person.

Uschi Kellenberger

Was die Gewaltfreie Kommunikation anders macht

Die GFK verfolgt einen anderen Ansatz. Marshall Rosenberg sagte sinngemäss, dass es in Konflikten nicht darum geht, Recht zu bekommen, sondern die Bedürfnisse aller Beteiligten zu berücksichtigen. Das verändert die Perspektive grundlegend.
Sie fragt nicht: «Wer hat recht?» Sie fragt: «Was brauchen wir beide?»

Das klingt einfach – ist es aber nicht! Denn es erfordert, etwas Vertrautes loszulassen: das Bild von mir als dem, der recht hat.
Aus meiner Erfahrung weiss ich: Ich falle immer noch in dieses Muster. Der Unterschied ist, dass ich es heute schneller bemerke – und mir die Frage stelle: Will ich jetzt Recht haben oder will ich Verbindung?
Genau hier hilft uns die GFK dabei, nämlich dadurch eine wertfreie Beobachtung von einer Bewertung zu unterscheiden. Denn genau das gelingt uns im Recht-haben-Modus kaum noch. Wir sehen Fakten, wo andere Interpretationen sind. Wir sind überzeugt, die Wahrheit zu kennen – und hören deshalb gar nicht mehr richtig zu.

Echtes Gehörtwerden verändert alles

Aus meiner Erfahrung geschieht in diesem Moment etwas Erstaunliches: Sobald Menschen sich wirklich gehört fühlen, werden sie oft offener für andere Perspektiven. Weil sie sich sicher fühlen. Weil niemand mehr gewinnen oder verlieren muss. Und manchmal ist die wichtigste Frage gar nicht: «Habe ich Recht?» Sondern: «Ist mir das Rechthaben gerade wichtiger als die Beziehung?» Wie wäre es, wenn wir der Beziehung den Vorrang geben – vor dem Im-Recht-sein-Wollen? Die Entscheidung liegt bei jedem von uns. Es gibt sie, die Alternative zum Siegertreppchen!

Im Modul 1 trainieren wir den Ausbau der eigenen Kommunikations-Fertigkeiten mit vielen hilfreichen Übungen

FAQ

Warum will ich immer Recht haben?
Hinter dem Wunsch, Recht zu haben, stecken oft tief verankerte Glaubenssätze – etwa dass Nachgeben Schwäche bedeutet oder dass der eigene Wert davon abhängt, im Recht zu sein. Diese Muster entstehen häufig bereits in der Kindheit, wenn Fehler beschämt oder korrigiert wurden, anstatt als Lernchance betrachtet zu werden.

Wie schadet das Recht-haben-Wollen Beziehungen?
Wenn eine Person immer Recht behalten will, zieht sich die andere oft still zurück – nicht weil sie überzeugt wurde, sondern weil sie erschöpft ist. Langfristig leidet die Verbindung: Offenheit, Vertrauen und Nähe nehmen ab. Die Beziehung wird oberflächlicher, ohne dass es einen sichtbaren Bruch gibt.

Was kann ich tun, wenn ich merke, dass ich immer Recht haben will?
Die Gewaltfreie Kommunikation (GFK) bietet konkrete Werkzeuge: Beobachtungen von Bewertungen trennen, eigene Gefühle und Bedürfnisse wahrnehmen und benennen, Bitten statt Forderungen formulieren. Der wichtigste erste Schritt ist, das eigene Muster überhaupt zu erkennen – und sich ehrlich zu fragen: «Ist mir das Rechthaben gerade wichtiger als die Beziehung?»

Was bedeutet «Wurzelwölfe» in der Gewaltfreien Kommunikation?
«Wurzelwölfe» ist ein Begriff für unbewusste Glaubenssätze, die unser Verhalten steuern, ohne dass wir es bemerken. Im Kontext des Recht-haben-Wollens sind das Überzeugungen wie «Ich muss Recht haben, um sicher zu sein» oder «Wer nachgibt, verliert» u.v.m. Erst wenn wir diese Wurzelwölfe sehen und uns klar sind, können wir anfangen, anders zu reagieren.

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