
Pseudogefühle und wahre Gefühle – was ist der Unterschied?
Inhaltsverzeichnis
- Warum unterscheidet man in der gewaltfreien Kommunikation zwischen Pseudogefühlen und wahren Gefühlen?
- Zunächst einmal: Was sind Pseudogefühle?
- Warum auf «wahre» Gefühle umstellen?
- Warum ist es hilfreich sich mit dieser Unterscheidung zu beschäftigen?
- Weshalb beharren Menschen darauf, Pseudogefühle beizubehalten und reden über wahre Gefühle vom “Schönreden”?
- Wahre Gefühle zeigen die eigenen Bedürfnisse
- Über wahre Gefühle zu sprechen, fördert die Bindung und das persönliche Wachstum
- Wahre Gefühle zu zeigen, braucht etwas Mut und Vertrauen, aber es lohnt sich
- Um Pseudogefühle zu vermeiden und wahre Gefühle zu benennen, braucht es Übung
Vielleicht bist du dir selbst gar nicht bewusst, wann du über wahre Gefühle sprichst und wann du Gefühle beschreibst, die nur auf den ersten Blick wie Gefühle aussehen.
Warum unterscheidet man in der gewaltfreien Kommunikation zwischen Pseudogefühlen und wahren Gefühlen?
In meinen Seminaren und Workshops vermittle ich die Gewaltfreie Kommunikation (GFK) nach Marshall Rosenberg. Ein wichtiger Aspekt dabei ist die Unterscheidung zwischen „wahren Gefühlen“ und „Pseudogefühlen“. Ich erlebe immer wieder, dass Teilnehmende mit dem Thema „Pseudogefühle“ Schwierigkeiten haben bzw. an diesen festhalten möchten.
Der Unterschied zwischen „wahren Gefühlen“ und „Pseudogefühlen“ soll dir helfen, dich selbst besser zu verstehen und eine verbindende, nicht-angreifende Sprache zu entwickeln. Viele Menschen kennen den Unterschied zwischen Pseudogefühlen und wahren Gefühlen gar nicht und sind sich ihrer eigenen sprachlichen Gewohnheiten oft nicht bewusst.
Zunächst einmal: Was sind Pseudogefühle?
Pseudogefühle scheinen nur auf den ersten Blick wie Gefühle. Sie enthalten aber tatsächlich Bewertungen, Interpretationen oder versteckte Schuldzuweisungen an andere. Sie beschreiben weniger ein echtes inneres Empfinden, sondern oft eine Bewertung des Verhaltens einer anderen Person. Beispiele für Pseudogefühle sind:
• „Ich fühle mich ignoriert“ (statt „Ich fühle mich traurig, weil ich mir Aufmerksamkeit wünsche.“)
• „Ich fühle mich ausgenutzt“ (statt „Ich fühle mich erschöpft und würde Anerkennung für meine Hilfe schätzen.“)
• „Ich fühle mich hintergangen“ (statt „Ich fühle mich verletzt und würde so gerne vertrauen.“)
Diese Begriffe (ignoriert/ausgenutzt/hintergangen) schieben die Verantwortung für die erlebten negativen Gefühle auf die andere Person und wirken wie Schuldzuweisungen, da sie absichtliche Nachlässigkeit oder Ablehnung implizieren. Das kann zu Missverständnissen führen, da suggeriert wird, die andere Person habe dir „dieses Gefühl gemacht“. Das setzt implizit einen Täter voraus – jemanden, der „schuld“ daran ist, dass du dich schlecht fühlst. Menschen reagieren auf solche versteckten Schuldzuweisungen oft emotional. Wenn jemand sagt, er fühle sich ignoriert, kann das Gegenüber schnell den Wunsch verspüren, sich zu rechtfertigen, obwohl vielleicht gar keine böse Absicht dahintersteckte. Diese Rechtfertigung kann den Eindruck verstärken, dass ein Vorwurf im Raum steht, was zu defensiven Reaktionen führt.
Für mich ist jedoch entscheidend: Wenn es einen Täter braucht, wer ist dann das Opfer? Indem du Pseudogefühle verwendest, manövrierst du dich selbst automatisch in eine Opferrolle.
Warum auf «wahre» Gefühle umstellen?
Durch das Benennen wahrer Gefühle (z. B. „traurig“, „einsam“, „enttäuscht“) und der dahinterliegenden eigenen Bedürfnisse, wie in den obigen Beispielen, wird authentischer kommuniziert. Missverständnisse werden reduziert, und die Beziehungsebene wird gestärkt.
Mit anderen Worten: Wahre Gefühle spiegeln wider, wie es dir tatsächlich geht. Trauer deutet oft darauf hin, dass du etwas vermisst, Freude darauf, dass ein Bedürfnis erfüllt wurde. Wahre Gefühle sind wertvolle Indikatoren dafür, ob deine Bedürfnisse gerade erfüllt sind oder nicht.
Pseudogefühle hingegen sind häufig Bewertungen oder Urteile über das Verhalten anderer. Wenn du sagst „Ich fühle mich ignoriert“ oder „Ich fühle mich angegriffen“, drückst du weniger eine tatsächliche Emotion aus als vielmehr eine Interpretation oder ein Urteil über das Verhalten der anderen Person. Solche Aussagen enthalten oft schon eine Zuschreibung und lenken den Fokus vom eigenen Empfinden auf den anderen, was leicht zu Missverständnissen oder Konflikten führt.
Der Unterschied zwischen wahren Gefühlen und Pseudogefühlen ist daher essenziell in der GFK, um eine klare, wertschätzende und verbindende Kommunikation zu ermöglichen. Pseudogefühle führen oft zu Konflikten, weil sie interpretierend oder wertend wirken. Wahre Gefühle hingegen fördern Verständnis und Nähe, da sie eine klare Verbindung zu den eigenen Bedürfnissen herstellen.
Warum ist es hilfreich sich mit dieser Unterscheidung zu beschäftigen?
Durch die Konzentration auf wahre Gefühle übernimmst du Verantwortung für deine Empfindungen und deren Ursachen (deine Bedürfnisse). Die Verwendung von Pseudogefühlen hingegen belastet Beziehungen, da sie oft eine negative Interpretation des Verhaltens der anderen Person transportiert. Mit Pseudogefühlen gibst du anderen Menschen implizit die Schuld für dein eigenes Empfinden: „Du ignorierst mich, also fühle ich mich schlecht.“ Solche Zuschreibungen können beim Gegenüber Abwehr- und Verteidigungsreaktionen hervorrufen, die Kommunikation erschweren und sogar den Weg in einen Konflikt ebnen.
Wahre Gefühle, die mit den eigenen Bedürfnissen verknüpft sind, laden dagegen zu ehrlicher und empathischer Kommunikation ein. Wenn du beispielsweise sagst: „Ich bin frustriert, weil mir ein enger Austausch wichtig ist“, kannst du konstruktiver auf das Thema eingehen und gemeinsam Lösungen finden, ohne dem anderen die Schuld zuzuschieben.
Natürlich zeigst du dich mit deinen wahren Gefühlen verletzlicher, und das erfordert Mut. Doch wenn du direkt benennst, was du wirklich fühlst, schaffst du die Grundlage für echten, offenen Kontakt. Diese Ehrlichkeit öffnet Türen zur Empathie, da der andere dich besser verstehen kann, ohne zu denken, angegriffen zu werden.
Weshalb beharren Menschen darauf, Pseudogefühle beizubehalten und reden über wahre Gefühle vom “Schönreden”?
Wie bereits erwähnt, erlebe ich in meinen Trainings immer wieder Teilnehmende, die dazu neigen, an Pseudogefühlen festzuhalten, sich schwer damit tun, diese in authentische Gefühlsausdrücke zu übersetzen, und dies manchmal als „Schönreden“ bezeichnen. Dies liegt daran, dass tief verankerte Schutzmechanismen und kulturelle Gewohnheiten das Ausdrucksverhalten beeinflussen.
Ich selbst kenne Pseudogefühle aus meinem Sprachgebrauch, bevor ich 2008 mit der Gewaltfreien Kommunikation in Kontakt gekommen bin. Ich habe diese Begriffe rege verwendet, weil es alle taten. Unsere Kultur fördert in vielen Bereichen eine Schuldzuweisungs- und Bewertungshaltung. Oft sind wir daran gewöhnt, Probleme auf „Schuldige“ zurückzuführen – und das spiegelt sich in unserer Sprache wider: „Du machst mich wütend“ oder „Du hast mich im Stich gelassen“ sind alltägliche Aussagen, die die Verantwortung von uns wegschieben. Diese Prägung führt dazu, dass Pseudogefühle oft natürlicher wirken, weil es vertraut ist, starke Emotionen durch Vorwürfe und Konfrontation auszudrücken. Echte Gefühlsausdrücke, die von Eigenverantwortung sprechen, wirken dagegen „weich“ oder werden als Schönreden missverstanden.
Ich vermute, dass Pseudogefühle wie „Ich fühle mich ignoriert“ oder „Ich fühle mich ausgenutzt“ die Funktion haben, das innere Erleben nach aussen zu projizieren. Zum einen, indem wir jemandem den „Schwarzen Peter“ zuschieben und signalisieren: „Du bist ein schlechter Mensch, und wenn du dich nicht entschuldigst, will ich nichts mehr mit dir zu tun haben.“ Auf diese Weise scheinen wir uns zu schützen. Zum anderen schieben wir unbewusst die Verantwortung für unsere Gefühle auf andere ab, was uns davon entlastet, uns vollständig mit unseren eigenen, oft verletzlichen Emotionen auseinanderzusetzen. Auch hier entsteht ein scheinbarer Schutz. Denn: Echte Gefühle wie Einsamkeit, Angst oder Trauer fühlen sich ungeschützt und verletzlich an. Pseudogefühle dienen also als Schutzmechanismus, um dich davor zu bewahren, zu tief in diese verletzlichen Zustände eintauchen zu müssen.
Wahre Gefühle zeigen die eigenen Bedürfnisse
Das Thema Stärke und Macht spielt ebenfalls eine Rolle: Pseudogefühle sind oft mit impliziten Anschuldigungen verbunden, die dazu dienen, in einer Konfliktsituation Macht und Kontrolle auszuüben. Aussagen wie „Ich fühle mich missachtet“ tragen die Erwartung in sich, dass der andere sich schuldig fühlt und sein Verhalten ändern soll. Authentische Gefühlsausdrücke – das Benennen wahrer Gefühle, die von Eigenverantwortung und Bedürfnissen ausgehen – bieten hingegen weniger Raum für Kontrolle und Manipulation, da sie nicht auf Schuldzuweisungen basieren, sondern den Fokus auf das eigene Empfinden und die eigenen Bedürfnisse legen.
Manchmal fällt es schwer, diese Kontrolle aufzugeben, weil der Gedanke vorherrscht, dass man nur so die Situation beeinflussen kann. Verletzlichkeit und emotionale Offenheit werden hingegen als Schwäche wahrgenommen und von manchen daher als „Schönreden“ abgetan. Pseudogefühle ermöglichen es, auf „gefühlvolle“ Weise stark zu erscheinen, ohne wirklich verletzlich zu werden. Die Aussage „Ich fühle mich ignoriert“ ist beispielsweise emotional und wirkt stärker und distanzierter als „Ich fühle mich einsam und brauche mehr Kontakt.“ Wahre Gefühle lassen uns menschlicher und verwundbarer erscheinen.
Ich glaube jedoch, dass die Welt eine gute Portion mehr Menschlichkeit gebrauchen kann. Sich so verletzlich und menschlich zu zeigen, mag am Anfang unangenehm sein – vermutlich, weil es ungewohnt ist und Mut erfordert, sich offen zu zeigen.
Über wahre Gefühle zu sprechen, fördert die Bindung und das persönliche Wachstum
Um mehr Verständnis füreinander zu entwickeln, ist es hilfreich, wenn du deine Gefühle direkt ansprichst. So erhält die andere Person die Chance, sich besser in dich hineinzuversetzen, anstatt sich durch Schuldzuweisungen, die in Pseudogefühlen verborgen sind, in Rechtfertigung und Verteidigung zu verlieren. Dies schafft eine Atmosphäre der Verbundenheit und des Vertrauens, in der Konflikte als gemeinsames Problem gelöst werden können – ohne „schwarzen Peter“. Langfristig fördert dies stabile Bindungen, weil die Menschen spüren, dass sie sich wirklich aufeinander verlassen und sich gegenseitig verstehen können, da Verteidigungshaltungen abgebaut werden.
Das ist der Kern der Gewaltfreien Kommunikation (GFK): Zu lernen, dass es weniger um „Richtig“ oder „Falsch“ geht, sondern darum, wie sich jeder fühlt (wahre Gefühle) und was jeder braucht (Bedürfnisse). Ein solcher Austausch findet auf Augenhöhe statt, ohne Machtkämpfe oder Dominanzstreben. Die Fähigkeit, ehrlich über eigene Emotionen zu sprechen, fördert das persönliche Wachstum und stärkt das Selbstvertrauen.
«Zu lernen, dass es weniger um „Richtig“ oder „Falsch“ geht, sondern darum, wie sich jeder fühlt (wahre Gefühle) und was jeder braucht (Bedürfnisse). Ein solcher Austausch findet auf Augenhöhe statt, ohne Machtkämpfe oder Dominanzstreben.»
Wahre Gefühle zu zeigen, braucht etwas Mut und Vertrauen, aber es lohnt sich
In meinen Ausbildungen und Seminaren wecke ich das Interesse am Experimentieren mit authentischen Gefühlen. Es ist meistens so, dass diejenigen, die bisher Pseudogefühle verwenden, dies bewusst tun. Wenn ein Pseudogefühl geäussert wird, biete ich stattdessen wahre Gefühle an, ohne es direkt zu korrigieren. Das regt dazu an, hinter die Pseudogefühle zu schauen und die wahren Emotionen zu entdecken. Dadurch kommen die Menschen zu sich und es bewegt sich etwas in ihnen.
Ein erster Schritt könnte sein, bei einem kleinen, alltäglichen Anliegen ein wahres Gefühl zu benennen. Wenn du dann siehst, dass deine Worte auf eine positive Resonanz stossen und mehr Verständnis erzeugen, wird das oft von selbst zu weiteren Versuchen motivieren. Am Anfang braucht es erst mal ein bisschen Vertrauen sich zu zeigen, um dann neue Einsichten zu gewinnen. Deswegen würde ich damit in nicht belasteten Situationen starten.
Um Pseudogefühle zu vermeiden und wahre Gefühle zu benennen, braucht es Übung
Die Unterscheidung von Rosenberg kann zunächst als ungewohnt oder sogar künstlich erscheinen, besonders, wenn man sich stark mit den eigenen Ausdrücken identifiziert. Es braucht Übung und Reflexion, um Pseudogefühle zu erkennen, sie dann in wahre Gefühle zu übersetzen, um auszudrücken, was wirklich in einem vorgeht.
Menschen halten oft an Pseudogefühlen fest, weil diese Schutz, Kontrolle und die Illusion von Stärke bieten. Echte Gefühle wirken verletzlich und können kulturell bedingt als zu „weich“ oder „beschwichtigend“ empfunden werden, was zu der Idee führt, dass authentische Ausdrucksweisen ein “Schönreden” seien. Die Gewaltfreie Kommunikation ermutigt jedoch dazu, aus dieser alten Prägung auszubrechen und durch wahre Gefühle und Bedürfnisse eine klarere und friedvollere Kommunikation zu ermöglichen.
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