Vorschnelle Zuschreibungen
Inhaltsverzeichnis
- Der schnelle Griff zum psychologischen Etikett
- Labeling – Worte wie Schlagstöcke
- Wer ist am häufigsten von Labeling betroffen?
- Welche Funktionen erfüllt das Schubladendenken?
- Fatale Folgen: Labeling führt in einen Teufelskreis aus gegenseitigen Verletzungen
- Gewaltfreie Kommunikation als Ausweg aus der Etiketten-Falle
- Strukturen für einen konstruktiven Dialog
- Aber: Manchmal reicht Kommunikation allein nicht aus
Packst du Menschen auch manchmal vorschnell in eine bestimmte Schublade? Ich möchte dich dazu einladen, über das Thema Labeling zu reflektieren. Ob im Büro oder privat: Wenn es Konflikte gibt, verpassen wir anderen schnell das Etikett «schwierig» oder «toxisch». Warum wir hier Vorsicht walten lassen dürfen und wie es besser geht, erfährst du in diesem Artikel.
Der schnelle Griff zum psychologischen Etikett
Beim Zuhören in meiner Praxis als Coach oder als Seminarleiterin fällt mir auf, dass in angespannten Beziehungen Menschen oft vorschnell zu psychologischen Etiketten wie «Narzisst», «Gaslighter» oder «toxisch» greifen, um Verhalten zu erklären, das sie verletzt oder überfordert. Diese Begriffe sind längst nicht mehr Fachkreisen vorbehalten, sondern werden massenhaft in sozialen Medien wie Instagram oder TikTok verbreitet, oft in Form von Kurzvideos und Memes, die komplexe psychologische Diagnosen auf wenige Schlagworte reduzieren. Was früher eine sorgfältige Abklärung durch Fachpersonen erforderte, ist heute zu einer Art sozialem Schnelltest geworden: Ein Verhalten, das irritiert, wird mit einem Label versehen – und schon scheint alles erklärt. Doch dieser vermeintliche Erkenntnisgewinn ist trügerisch.
Labeling – Worte wie Schlagstöcke
Labeling bedeutet übersetzt: «Du bist das Problem.» Es wirkt wie ein verbaler Schlagstock. Mit einem einzigen Wort wird eine Person auf eine Eigenschaft, eine Störung oder ein vermeintliches Muster reduziert. In Beziehungen hat das fatale Folgen: Statt Nähe und Verständnis entsteht Distanz und Abwertung. Das Gespräch über die eigentliche Verletzung oder den Konflikt wird durch das Etikett abgeschnitten – und so bleibt oft unklar, was die Person eigentlich berührt oder verletzt hat.
Im Arbeitsumfeld führt das zu schleichender Entfremdung zwischen Kolleginnen und Kollegen. Wer gelabelt wird, erlebt häufig subtile Ausgrenzung: Gespräche finden nicht mehr offen statt, Konflikte werden hinter verschlossenen Türen diskutiert, und der «Stempel» haftet. Aus Spannungen, die eigentlich bearbeitet werden könnten, werden Hierarchien des Misstrauens. In Teams ist das besonders gefährlich, weil es den Mut zur offenen Kommunikation zerstört: Wenn «alle schon wissen, was der andere ist», fehlt oft der Wille zum Gespräch. Empathie wird durch Distanz ersetzt.
Wer gelabelt wird, erlebt häufig subtile Ausgrenzung: Gespräche finden nicht mehr offen statt, Konflikte werden hinter verschlossenen Türen diskutiert, und der «Stempel» haftet.
Wer ist am häufigsten von Labeling betroffen?
Meist werden diejenigen, die auffallen, am schnellsten abgestempelt: Menschen, die laut sind, unbequem, emotional reagieren oder sich entziehen. Auch Führungskräfte, die Entscheidungen treffen, sind oft Zielscheibe solcher Zuschreibungen. Statt konstruktiver Auseinandersetzung entsteht eine Kultur des Brandmarkens. Emotionaler Schmerz wird öffentlich gemacht, aber selten in einem geschützten Rahmen verarbeitet. Die Folge: Verletzungen vertiefen sich, Vertrauen sinkt.
Dabei ist es wichtig, Spannungen nicht zu pathologisieren. Jede echte Beziehung und jedes funktionierende Team lebt von Reibung. Erwartungen stossen auf Grenzen, unterschiedliche Bedürfnisse aufeinander, Machtfragen werden sichtbar. Diese Reibung ist nicht toxisch, sondern unvermeidlich – und oft ein Spiegel des gesamten Systems, nicht einer einzelnen Person. Doch wenn wir vorschnell zu Etiketten greifen, verlieren wir die Chance, diese Dynamik als Lernfeld zu sehen. Wir hören auf, neugierig zu sein. Menschen werden eindimensional und austauschbar. Wir vergessen, dass sie komplex, widersprüchlich, verletzend, verletzlich – und dennoch wertvoll sind. Nicht jede schwierige Person ist toxisch oder narzisstisch. Manchmal sind es schlicht verletzte Menschen, die andere verletzen.
Welche Funktionen erfüllt das Schubladendenken?
Hinter dem Impuls, andere zu etikettieren, steckt selten Bosheit. Viel häufiger ist es ein Versuch, innere Unsicherheit zu kompensieren. Psychologisch betrachtet bietet ein Label scheinbare Kontrolle: «Wenn ich dich schnell einordne, bin ich nicht ausgeliefert.» Dieses Muster entsteht oft aus frühen Erfahrungen von Ohnmacht, Orientierungslosigkeit oder Kränkung. Wer sich selbst nicht sicher fühlt, sucht Sicherheit in Deutung.
Das Etikett erfüllt dann mehrere Funktionen:
• Selbstschutz: Indem ich dich kategorisiere, halte ich dich auf Distanz und schütze mich vor Verletzlichkeit.
• Sicherheit: Ein Label gibt mir das Gefühl, die Situation zu durchschauen und moralisch überlegen zu sein.
• Klarheit: Wenn du «toxisch» bist, kann ich mich als «gesund» definieren.
Viele Menschen, die schnell etikettieren, tragen tief verankerte Glaubenssätze in sich:
• «Wenn ich mich öffne, werde ich verletzt.»
• «Ich muss alles verstehen und kontrollieren, sonst bin ich schwach.»
• «Andere sind gefährlich; ich bin sicherer, wenn ich Abstand halte.»
Labeling ist dann kein böswilliger Akt, sondern eine Schutzstrategie. Es deckt eigene Unsicherheiten und Wunden zu, statt sie zu zeigen. In einem Team etwa kann eine Person, die innerlich Angst vor Ablehnung hat, zur «Diagnostikerin» werden: Sie benennt andere als schwierig, um selbst unangreifbar zu wirken. In Beziehungen ist es ähnlich: Wer von Nähe überfordert ist, wertet den Partner als «toxisch» ab, um sich emotional zu schützen.
Fatale Folgen: Labeling führt in einen Teufelskreis aus gegenseitigen Verletzungen
So gesehen ist das Label also oft nur ein Symptom. Darunter liegen ungelöste Konflikte, Ängste und ein Nervensystem, das auf Alarm steht. In stressigen Zeiten greifen Menschen besonders schnell zu Vereinfachungen, weil das Gehirn in Gefahrensituationen in Schwarz-Weiss-Muster verfällt. So entsteht eine Dynamik, in der echte Begegnung kaum mehr möglich ist.
Für die gelabelte Person ist das eine enorme Belastung: Sie erlebt nicht nur Missverständnis, sondern auch Isolation. Häufig reagieren Menschen, die so abgestempelt werden, mit Rückzug, Aggression oder Resignation. Statt offener Kommunikation entsteht eine Gewaltspirale aus Projektion und Selbstschutz. Das wird oft zum Teufelskreis. Verletzung trifft auf Verletzung, niemand wird in seinen Gefühlen und Bedürfnissen gesehen.
Gewaltfreie Kommunikation als Ausweg aus der Etiketten-Falle
Die Gewaltfreie Kommunikation (GFK) bietet einen Weg, diese Dynamik zu durchbrechen und aus der Gewaltspirale Verletzung und Abwertung auszusteigen. Statt vorschneller Urteile lädt sie dazu ein, Beobachtungen von Interpretationen zu trennen, Gefühle und Bedürfnisse bewusst wahrzunehmen und ehrliche, konkrete Bitten zu formulieren. Wer GFK praktiziert, lernt, Etiketten als Signal zu verstehen: «Was in mir braucht gerade Schutz?» Anstatt das eigene Unbehagen in ein Urteil und Bewertung zu verwandeln, dient es als Einladung zur Selbstreflexion.
Ein erster Schritt ist die Selbstbeobachtung: Was passiert in mir, wenn ich mit dieser Person zu tun habe? Bin ich verletzt, überfordert oder erinnert es mich an alte Unsicherheiten? Dieses Innehalten ist oft unangenehm, aber es schafft eine Distanz zu den eigenen automatischen Reaktionen. Es erlaubt, Verantwortung für die eigenen Gefühle zu übernehmen, statt sie auf den anderen zu projizieren.
Grenzen setzen ist in der GFK kein Akt der Härte, sondern der Klarheit. Ein Satz wie «Ich merke, dass mich das trifft» ist kein Zeichen von Schwäche, sondern von Selbstachtung. Er öffnet einen Raum für echte Begegnung: Plötzlich steht nicht mehr das Urteil im Raum, sondern eine ehrliche Erfahrung. Und das macht Zuhören wieder möglich.
Strukturen für einen konstruktiven Dialog
GFK schafft ausserdem Strukturen, um Unsicherheiten aufzufangen: Meetings beginnen mit einer Ankommensrunde (jeder benennt, wie er sich gerade fühlt), Feedbackrunden, Supervision, klare Kommunikationsregeln. In Teams sind solche Räume entscheidend, um Spannungen nicht unter den Teppich zu kehren, sondern konstruktiv zu bearbeiten. Dabei geht es nicht darum, Konflikte wegzureden, sondern sie so zu führen, dass niemand als Mensch abgewertet wird.
Die wahre Stärke der GFK liegt darin, Etiketten zu übersetzen: Aus «toxisch» wird «Ich fühle mich unsicher, weil mir Verlässlichkeit wichtig ist.» Aus «narzisstisch» wird «Ich brauche Raum, um auch gehört zu werden.» So verwandeln wir Bewertungen in Klarheit – und Klarheit schafft Verbindung. In einer Zeit, in der psychologische Begriffe oft als Waffe benutzt werden, ist das ein radikaler Akt von Menschlichkeit.
Echte Konfliktfähigkeit entsteht nicht durch Etiketten, sondern durch Dialog, Selbstreflexion und den Mut, sich selbst ebenso ehrlich anzuschauen wie das Gegenüber.
Aber: Manchmal reicht Kommunikation allein nicht aus
GFK schliesst den Mut zur Konsequenz ein: Wenn Grenzen immer wieder verletzt werden, darf man sich fragen, was man bereit ist auszuhalten und warum.
Nicht jede Beziehung oder jedes Team lässt sich retten. Manchmal braucht es zum Retten auch Kompetenz von aussen in Form eines Moderators oder eines Mediators. Jede bewusste Auseinandersetzung stärkt die Fähigkeit, eigene Grenzen zu wahren und empathisch zu bleiben. Um Konfliktfähigkeit in Teams zu trainieren, eignet sich ein Seminar zur Teamentwicklung mit Gewaltfreier Kommunikation der Empathie-Werkstatt®.