Wege aus dem inneren Tief
Inhaltsverzeichnis
- Antriebslosigkeit, Selbstzweifel und innere Einsamkeit
- Die Vorboten eines Tiefs: ständige Pflichterfüllung, hoher Druck und Selbstkritik
- Überforderung und verdrängte Gefühle führen zu Erschöpfung und innerer Leere
- Die eigentliche Wurzel: die Entfremdung von sich selbst
- Gewaltfreie Kommunikation als Schlüssel zu Klarheit und Selbstfürsorge
- Wege aus der Krise – Selbstverantwortung und Selbstmitgefühl
Manchmal geraten wir in Phasen, in denen uns einfach alles schwerfällt: Die Energie fehlt, tiefe Selbstzweifel nagen an uns, und das Leben fühlt sich leer oder überfordernd an. Dieses „Tief“ ist kein Einzelfall – viele Menschen erleben es, oft ohne die eigentlichen Ursachen zu erkennen. In dieser Folge möchte ich dich dazu einladen, mit mir zu erforschen, wie ein solches Tief entsteht, welche inneren Mechanismen dabei wirken und wie du mit innerer Präsenz und Selbstfürsorge wieder zu dir selbst finden kannst.
Antriebslosigkeit, Selbstzweifel und innere Einsamkeit
Kürzlich hat eine Person, die ich in einem Coaching begleitet habe, davon gesprochen, in einem Tief zu sein. Dies habe ich schon öfter gehört und möchte mich heute diesem Thema widmen. Menschen, die sich in einem sogenannten „Tief“ befinden, erlebe ich als antriebslos und erschöpft – als fehle ihnen jede Energie, um den Alltag zu bewältigen. Gleichzeitig nagen Selbstzweifel an ihrem inneren Gleichgewicht: Das Gefühl, nicht gut genug zu sein, begleitet sie ständig. Oft ziehen sie sich zurück, weil sie glauben, niemand könne sie wirklich verstehen – ein tiefes Gefühl innerer Einsamkeit entsteht.
Ich beobachte häufig, dass diese Einsamkeit durch Nähe zu anderen Menschen kompensiert wird, manchmal fast zwanghaft. Mit „zwanghaft“ meine ich, dass die Person trotz Erschöpfung und dem offensichtlichen Bedürfnis nach Erholung unter Menschen geht – selbst dann, wenn ihr buchstäblich die Augen zufallen. Hinzu kommt nicht selten eine massive Überforderung: Beruflicher oder privater Druck wächst ihr über den Kopf, und sie hat das Gefühl, nicht mehr hinterherzukommen.
Die Vorboten eines Tiefs: ständige Pflichterfüllung, hoher Druck und Selbstkritik
Bevor es zu einem solchen Tief kommt, gibt es oft bestimmte Vorzeichen oder unbemerkte Entwicklungen, die ich dann im Coaching aufdecke und transparent mache: Viele Betroffene haben über längere Zeit hinweg vor allem funktioniert – sie haben Erwartungen erfüllt, Leistung gebracht, Verantwortung übernommen – aber sich selbst dabei kaum Raum gegeben. Sie haben selten innegehalten, um sich zu fragen: Was will ich eigentlich? Was brauche ich? Was tut mir gut? Stattdessen dominierten Pflichterfüllung, Anpassung oder der Versuch, es allen recht zu machen.
Ein weiterer Vorbote ist ein überhöhtes Mass an Selbstkritik – Menschen, die sich selbst kaum Fehler zugestehen, geraten schneller in eine emotionale Erschöpfung. Auch ungelöste Konflikte, unterdrückte Gefühle, ein chronischer Mangel an Anerkennung oder tiefer emotionaler Verbindung können sich über Jahre summieren und irgendwann zu einem inneren Kollaps führen, den wir dann mit „in einem Tief sein“ beschreiben. Hinzu kommen oft existenzielle Belastungen wie ein hohes Lebenstempo, ständige Erreichbarkeit, wirtschaftlicher Druck oder eine andauernde Unsicherheit über den eigenen Lebensweg.
In manchen Fällen, die ich begleitet habe, stand ein konkreter Verlust im Vordergrund – sei es der Tod eines nahestehenden Menschen, das Ende einer Beziehung oder der Verlust eines Lebenstraums. Daraus entsteht nicht selten eine Sinnkrise, in der sich Betroffene fragen, wofür sie das alles eigentlich noch tun. Begleitet wird dieses Empfinden oft von Zukunftsängsten, die sich in Form von lähmenden Sorgen oder Gedankenspiralen äussern, die nachts den Schlaf rauben.
Auch in Beziehungen häufen sich Konflikte, die meine Klienten zusätzlich belasten – oft liegt eine sehr tiefe Verletzung oder Verzweiflung zugrunde. Manche berichteten mir, dass sie einfach nur wegrennen wollten, um dem allen zu entfliehen.
« Ein weiterer Vorbote ist ein überhöhtes Mass an Selbstkritik – Menschen, die sich selbst kaum Fehler zugestehen, geraten schneller in eine emotionale Erschöpfung. Auch ungelöste Konflikte, unterdrückte Gefühle, ein chronischer Mangel an Anerkennung oder tiefer emotionaler Verbindung können sich über Jahre summieren und irgendwann zu einem inneren Kollaps führen.»
Überforderung und verdrängte Gefühle führen zu Erschöpfung und innerer Leere
Was Menschen in einem Tief oft gemeinsam haben, ist ein innerer Schmerz, der über lange Zeit gewachsen ist – meist unbemerkt und schleichend. Im Zentrum steht oft ein Leben, das vom Funktionieren geprägt war, aber kaum Raum liess für echte Selbstfürsorge. Viele haben gelernt, ihre eigenen Bedürfnisse hintanzustellen – aus Glaubenssätzen wie: „Ich bin nur wertvoll, wenn ich leiste.“ Oder: „Ich darf keine Schwäche zeigen.“
Diese Überzeugungen führen dazu, dass sie sich ständig überfordern, keine Pausen zulassen und sich selbst als nie gut genug empfinden – ganz gleich, wie viel sie schaffen. Hinzu kommt ein, ich nenne es mal, „kollektives Unvermögen“, mit den eigenen Gefühlen gesund umzugehen. Statt innezuhalten, wenn Angst, Trauer oder Wut auftauchen, wird weitergemacht – verdrängt, kompensiert, abgelenkt.
Der Körper meldet sich zwar mit Signalen wie Erschöpfung, Schlafstörungen, Verspannungen oder innerer Unruhe, doch diese Hinweise werden oft ignoriert oder mit Kaffee, noch mehr Arbeit oder Unterhaltung überdeckt. Verletzungen aus der Vergangenheit bleiben jahrzehntelang unbearbeitet, weil der emotionale Raum dafür fehlt – oder weil nie gelernt wurde, wie man sie überhaupt anerkennt, ausdrückt oder heilt.
Stattdessen werden sie „weggeschoben“, bis sie sich irgendwann als tiefe innere Leere oder diffuse Traurigkeit zeigen. Auch Ängste – vor Zurückweisung, Versagen oder Kontrollverlust – werden nicht ernst genommen, sondern rationalisiert oder bagatellisiert. Das Problem: Unausgesprochene Gefühle verschwinden nicht. Sie stauen sich, blockieren und verengen irgendwann die Sicht auf das eigene Leben.
Die eigentliche Wurzel: die Entfremdung von sich selbst
Viele meiner Klienten in einem Tief berichten, dass sie sich selbst entfremdet haben: Sie spüren nicht mehr, was sie wirklich wollen oder brauchen. Sie hören nicht mehr in sich hinein, weil sie den Zugang zu ihrer inneren Welt verloren haben – zu oft haben sie sich angepasst, Erwartungen erfüllt, Konflikte vermieden. Stattdessen flüchten sie sich in Ablenkung: scrollen, konsumieren, planen, erledigen. Alles ist ständig im Aussen – während das Innere zunehmend vernachlässigt wird.
Der eigentliche Schmerz liegt also nicht nur in einem einzelnen Problem, sondern in der tiefsitzenden Trennung von sich selbst: vom eigenen Fühlen, vom Körper, von echten Bedürfnissen. Und je länger dieser Zustand anhält, desto grösser wird das Gefühl von innerer Leere, Sinnlosigkeit oder Verzweiflung.
Gewaltfreie Kommunikation als Schlüssel zu Klarheit und Selbstfürsorge
Als Ursachen habe ich unter anderem erwähnt: ungelöste Konflikte, unterdrückte Gefühle, hohes Lebenstempo, Unsicherheit über den eigenen Lebensweg. Mit der Gewaltfreien Kommunikation (GFK) entsteht Klarheit in ungelösten Konflikten, und die Entschleunigung, die viele aus meinen Seminaren mitnehmen, lässt sich gut in den Alltag übertragen.
Sie tut wohl, und in der entstehenden Ruhe fällt es leichter, mit den eigenen Gefühlen in Kontakt zu kommen. Mit der Gewohnheit, sich selbst zuzuwenden und bedürfnisorientiert zu leben, entsteht Orientierung darüber, was einem wirklich wichtig ist und was man auf dem eigenen Lebensweg realisieren und erleben möchte. So wird es zunehmend unwahrscheinlich, erneut in ein tiefes, hilfloses Tief abzugleiten.
Denn GFK ist weit mehr als eine Gesprächstechnik – sie ist ein Weg, sich selbst wieder zu spüren und ernst zu nehmen. Menschen, die GFK praktizieren, lernen, sich selbst achtsam zu beobachten – ohne Verurteilung, ohne Drama. Sie beginnen, die eigenen Gedanken und Gefühle zu erkennen, statt sie zu verdrängen oder sich mit ihnen zu identifizieren.
Dadurch entsteht eine neue Form innerer Präsenz: Früher merken, wenn etwas im eigenen System aus dem Gleichgewicht gerät – um dann bewusst gegenzusteuern, bevor sich Druck, Überforderung oder emotionale Taubheit aufbauen.
Wege aus der Krise – Selbstverantwortung und Selbstmitgefühl
GFK fördert zudem die Fähigkeit, die eigenen Bedürfnisse klar zu benennen – und sie nicht mehr ständig zu übergehen oder von der Erfüllung durch andere abhängig zu machen. Dadurch entsteht ein Gefühl von Selbstverantwortung und innerer Führung: Man wird handlungsfähig, ohne hart zu sich selbst zu sein. Entscheidungen werden stimmiger, Beziehungen authentischer, Grenzen klarer.
Das ist für mich das stärkste „Werkzeug“ der GFK: eine Haltung von Achtsamkeit, Echtheit und Mitgefühl – zuerst und vor allem sich selbst gegenüber. Diese Haltung verändert, wie man sich selbst begegnet, wie man Krisen verarbeitet und wie man wieder in Kontakt kommt mit dem, was das eigene Leben lebenswert macht.
Und es ist klar: Wenn wir diese Haltung kultivieren, werden wir nicht nur für uns selbst, sondern auch für andere Menschen zu einer Bereicherung – denn was wir liebevoll mit uns üben, fliesst ganz selbstverständlich auch in unsere Begegnungen.
Möchtest du auch lernen, dir selbst mit mehr Achtsamkeit und Mitgefühl zu begegnen?
In unseren modular aufgebauten Kursen kannst du dich Schritt für Schritt mit der Gewaltfreien Kommunikation nach Rosenberg vertraut machen.
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